26.11.2021 | Blackout-Experte warnt vor baldigen Stromausfällen

«Es gibt immer weniger Reserven»

Jüngst macht sich auch die Schweiz vermehrt Gedanken zum Thema Versorgungssicherheit. Herbert Saurugg macht das schon lange. Der internationale Blackout-Experte aus Österreich warnt vor baldigen Stromausfällen in Europa und deren weitreichenden Folgen. Alarmismus oder angebrachte Warnung? Lesen Sie selbst.

Herr Saurugg, wer sich internationaler Blackout-Experte nennt, muss diese Frage beantworten können: Wann gehen in Europa die Lichter aus?

(Lacht) Eine Glaskugel habe ich auch nicht. Aber so wie sich die Versorgungslage in den letzten 10 Jahren in Europa entwickelt hat und wie sie sich in den nächsten Jahren weiter entwickeln soll, fürchte ich, dass es schon im kommenden Winter kritisch werden könnte. Es muss nicht gleich ein Blackout sein. Aber rollierende Flächenabschaltungen sind durchaus möglich.

Welche Entwicklung sprechen sie an?

Es gibt immer weniger Reserven und Spielraum im kontinentaleuropäischen Verbundnetz.  Bis Ende des nächsten Jahres fallen alleine in Deutschland rund 22 Gigawatt Leistung aus Kern- und Kohlekraftwerken weg. Bis vor wenigen Jahren hatten wir in Europa grosse Überkapazitäten. Aber diese sind bald aufgebraucht. Und die verfügbare Leistung ist nur einer von mehreren Pfeilern der Stromversorgungssicherheit.

Blackout-Experte Herbert Saurugg
Was braucht es sonst noch?

Momentanreserve. Sie sorgt für die Stabilität im Netz. Die Turbinen und Generatoren der Kern-, Wasser- und Kohlekraftwerke sind schwere, rotierende Massen, die grosse Mengen an Energie speichern und so permanent Schwankungen ausgleichen, weil nie exakt so viel Strom produziert werden kann, wie gerade verbraucht wird. Dazu wird auch keine Steuerung benötigt. Das macht die Physik ganz alleine. Mit jedem grossen Kraftwerk, das vom Netz geht, wird das System etwas fragiler und anfälliger für Störungen. Das geht auch lange gut. Aber dann kann es einen Kipppunkt geben, wo eine kleine Störung das ganze System aus dem Gleichgewicht bringen kann. Das wird aus meiner Wahrnehmung viel zu wenig diskutiert.

Hat sich denn die Situation in den letzten Jahren verschärft? Wie misst man so etwas?

Nehmen Sie Österreich als Beispiel. Im Jahr 2011 waren zwei Eingriffe im Rahmen des Engpassmanagements erforderlich, um die Systemstabilität zu gewährleisten. 2018 gab es bereits an 301 Tagen mindestens einen Eingriff. Das System wird zudem immer komplexer. Es gibt immer mehr Akteure, die mitmischen. Das System wird dadurch auch verwundbarer.

Man hört immer wieder den Vorwurf, die Versorgungssicherheit leide unter dem Ausbau der Erneuerbaren. Teilen Sie diese Meinung?

Naja, das Problem ist nicht bei den erneuerbaren Produktionsanlagen zu suchen. Viel mehr bei der Art und Weise, wie sie ins Stromnetz integriert werden sollen. Windkraft und Solarenergie sind nur verfügbar, wenn der Wind weht oder die Sonne scheint. Es gibt kaum Flexibilität. Beim Ausbau der Erneuerbaren haben es viele Länder versäumt, die entsprechenden Speicher einzufordern oder dazu zu bauen. 

Also funktioniert die Stromversorgung nur in der alten Welt? Grosskraftwerke sind die Lösung?

Nein. Aber wir müssen das ganze System an die neuen Rahmenbedingungen anpassen, nicht nur einen Teil der Erzeugung. Es braucht Speicher – von inhärent bis saisonal. Hier sind beispielsweise die Schweiz und Österreich mit ihren Pump- und Speicherkraftwerken gut aufgestellt. Anders sieht es in Deutschland aus. Deutschland verfügt nur über rund 40 Gigawattstunden Pumpspeicherkapazität. Damit könnte man den Bedarf des Landes nicht einmal eine Stunde lang decken. Das wird im Zuge der Energiewende völlig ignoriert.

Sie sind Blackout-Experte. Sie helfen also Unternehmen bei der Blackout-Vorsorge. Damit sind Sie doch von Berufes wegen Angstmacher. Blackout ist für Sie Business.

(Lacht) Von irgendwas muss ich ja leben. Blackout ist für mich ein Beispielszenario – leider ein äusserst realistisches. Unsere Gesellschaft ist völlig von internationalen Lieferketten abhängig, die bei einem grossflächigen Stromausfall zeitnah kollabieren. Während die Stromversorgung in absehbarer Zeit wieder hergestellt werden kann, wird das bei den Logistikketten wesentlich länger dauern. Wir haben aber kaum Rückfallebenen, um den Ausfall kompensieren zu können. Das zeigten etwa die Lieferengpässe nach den ersten Lockdowns eindrücklich. Sind die Lieferketten erst einmal gestört, braucht es Zeit, bis alles wieder rund läuft. Ich nehme wieder das Beispiel Österreich: Umfragen zeigen, dass sich ein Drittel der Bevölkerung bereits nach 4 Tagen nicht mehr selbst versorgen könnte. Nach 7 Tagen sind es bereits zwei Drittel. All diese Menschen werden dann keine Zeit haben, beispielsweise die Strom- oder Lebensmittelversorgung wieder hochzufahren, weil sie um ihr eigenes Überleben kämpfen müssen.

Und die Schweiz? Hier hat die Verwaltung ja das Risiko erkannt. Im Risikobericht des Bundes steht eine Strommangellage an oberster Stelle – noch vor der Pandemie.

Einverstanden. Die Schweiz hat das Problem besser erkannt als andere Länder. Aber hat sie es auch adressiert? Könnte sich die Schweizer Bevölkerung heute zwei Wochen selbst versorgen? Da habe ich Zweifel. Die Tragweite eines solchen Ereignisses ist auch in der Schweiz nicht in der Breite angekommen. Wenn rundherum der Strom fehlt und die Versorgungsketten zusammenbrechen, ist auch die Schweiz nicht versorgungsfähig – dann trifft es alle, auch wenn die Schweiz sicher besser als viele andere Länder aufgestellt ist.

Gibt es überhaupt Länder, die gut vorbereitet sind?

Ironischerweise überall da, wo man sich hohe Versorgungssicherheit nicht gewohnt ist. Wo man damit rechnet, dass der Strom hie und da mal ausfällt. Viele Unternehmen in den USA haben beispielsweise eine eigene Stromversorgung. Einfach weil sie nicht damit rechnen, ständig Strom zu haben. Das ist der Fluch der hohen Versorgungssicherheit. Weil immer alles funktioniert, glauben wir, es sei ein Naturgesetz, dass Strom aus der Steckdose kommt. 

Was raten Sie den Firmen, die sich auf ein Blackout vorbereiten möchten?

Viele glauben, sie müssen alles mit einer Notstromversorgung absichern. Häufig reicht es schon, wenn man ein solches Ereignis durchspielt. Was bedeutet es für mein Unternehmen, über längere Zeit kein Strom zu haben? Keine Lieferungen zu erhalten? Welche Schäden können durch organisatorische Massnahmen verhindert werden? Wie kann ich dazu beitragen, dass das System und die Grundversorgung schneller wieder funktioniert? Nehmen Sie Lebensmittelproduzenten zum Beispiel: Die müssen nicht auf einen Schlag wieder 100 Produkte anbieten – aber vielleicht schnell wieder eines oder zwei um eine Grundversorgung zu gewährleisten. Und ganz wichtig: Das Personal muss gut durch die Krise kommen können, also auch zur Eigenvorsorge motiviert werden. Das ist die wichtigste Ressource eines Unternehmens.

So sieht es Axpo

Axpo schätzt die Situation bezüglich Versorgungssicherheit im europäischen Verbundnetz insgesamt weniger dramatisch ein, als Herbert Saurugg sie darstellt. Vorausgesetzt die bestehenden Importkapazitäten bleiben vorhanden und die Kernkraftwerke in der Schweiz und Frankreich bleiben durchschnittlich verfügbar, sieht Axpo die Versorgungssicherheit in der Schweiz auch unter Annahme von Stressszenarien (anhaltende Dunkelflaute) bis 2035 gewährleistet. Die Importkapazitäten könnten allerdings ab 2025 aufgrund eines EU-Regulierungspaketes (Clean Energy Package) eingeschränkt werden.

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