16.01.2024 | Monatliches Update europäische Energiemärkte, Januar 2024

Pessimismus dürfte 2024 anhalten

Die europäischen Energiemärkte hatten Ende 2023 ein fragiles Umfeld zu umschiffen, das mit einer Reihe abwärtsorientierter fundamentaler Faktoren einherging. Hierzu zählten mildes und windiges Wetter, die Erholung der französischen Kernenergieproduktion, eine schwache gesamtwirtschaftliche Lage und die generelle Nachfrageschwäche. Bemerkenswerterweise waren es genau dieselben fundamentalen Faktoren, die vor nur einem Jahr in Europa zu einer der grössten Energiekrisen der letzten Jahrzehnte beitrugen. Ein besonders deutlicher Beweis für die raschen Marktveränderungen ist der umfassende Wandel in Frankreich, das 2022 – zum ersten Mal seit über 40 Jahren – Netto-Stromimporteur war und 2023 wieder zum Netto-Exporteur wurde. Unterdessen wurde Deutschland erstmals seit 17 Jahren Netto-Stromimporteur. Vor dem Hintergrund dieser abwärtsorientierten fundamentalen Faktoren und üppiger Brennstoffvorräte gaben die Energiepreise erheblich nach und fielen gegenüber 2022 bisweilen um über 55%. Zu beachten ist jedoch, dass die Energiepreise trotz dieser erheblichen Einbrüche verglichen mit dem Zeitraum vor 2021 auf relativ hohen Niveaus verharrten.

Die Erholung der französischen Kernenergieproduktion mit einem Plus von 41 TWh gegenüber dem Vorjahr trug 2023 über weite Strecken massgeblich dazu bei, den Anstieg der Strompreise zu begrenzen und die Gefahr einer plötzlichen Marktwende aufgrund von ungünstigen Witterungsbedingungen oder Unterbrechungen der Brennstoffversorgung zu verringern. Derartige Ereignisse würden die Widerstandsfähigkeit des europäischen Energiesystems einem Stresstest unterwerfen und höhere Energiepreise nach sich ziehen. Doch das vorherrschende milde und windige Wetter verursachte in Kombination mit dem Kapazitätsausbau bei erneuerbaren Energien eine rekordhohe Zahl negativer Strompreise auf nahezu dem gesamten Kontinent. So erreichten die Preise an bestimmten Märkten, einschliesslich der Niederlande, Österreich, Deutschland und Finnland, die technische Preisuntergrenze von minus 500 EUR/MWh. Ein weiterer massgeblicher Faktor war der Nachfrageeinbruch, der sich 2023 im Zuge einer schwachen gesamtwirtschaftlichen Lage trotz niedriger Preisniveaus fast das gesamte Jahr über fortsetzte. Zum Jahresende jedoch schwächte sich der Nachfragerückgang deutlich ab.

Auch die Brennstoffpreise befanden sich 2023 durchweg auf einem Abwärtspfad. Ursachen waren die weltweit eher warmen Winter, die intensive Erzeugung erneuerbarer Energien und die verhaltende Industrienachfrage. Aufgrund der letztgenannten Faktoren erreichten die Gasvorräte am Ende des letzten Winters einen aussergewöhnlich hohen Stand, sodass im Sommer nur ein begrenzter Vorratsaufbau erforderlich war. Trotz der Probleme mit der Versorgung durch Pipelines aus Norwegen waren die Gasspeicher im Zuge eines hohen LNG-Angebots schon früh voll. 2024 wurde ein neuer Rekord für Januar erreicht, der teilweise auf den erneuten Export des in der Ukraine gelagerten Gases zurückzuführen war. Vor dem Hintergrund dieser trüben Marktstimmung war der Kohleverbrauch im europäischen Stromsektor stark rückläufig. Der Rückgang ermöglichte China und Vietnam nicht nur, ihre Kohleimporte zu erhöhen, sondern trug auch dazu bei, dass die Emissionen im Rahmen des Emissionshandelssystems der EU gegenüber dem Vorjahr um 10-12% sanken.

2024 dürfte ein entscheidendes Jahr für die Wiederherstellung eines Gleichgewichts auf den europäischen Energiemärkten werden. Europa sieht sich der Herausforderung gegenüber, weitere Einbussen beim Import russischen Gases über die Ukraine ausgleichen zu müssen, wenn die bestehende Vereinbarung Ende 2024 ausläuft. Gleichzeitig dürften die im Juni anstehenden Wahlen zum Europäischen Parlament die kurzfristige Marktstimmung und die langfristigen Fundamentaldaten beeinflussen. Wir rechnen insgesamt mit niedrigeren Brennstoff- und Kohlepreisen, einem robusten Kapazitätsausbau bei erneuerbaren Energien, der Schliessung von thermischen Kraftwerken und einer leichten Erholung der Energienachfrage. Das dynamische Zusammenspiel dieser Faktoren wird das Tempo der Energiewende und der Dekarbonisierung bestimmen. Es wird sich aber auch auf die allgemeine Versorgungssicherheit auswirken.

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