24.01.2019 | Im Winter und im Sommer sind die Kraftwerke Mauvoisin deren Kraft ausgesetzt

Die Natur kennt keine Gnade

In den Walliser Alpen liegt ruhig der Lac de Mauvoisin – auf rund 2‘000 m ü. M. Der Stausee gehört mit 212 Mio. m3 zu den grössten Stauseen der Schweiz. Rund um ihn erheben sich die hohen, vergletscherten Berggipfel mit dem Grand Combin bis 4‘313 m ü. M. Im Winter zieht das Gebiet Skitourengänger an, im Sommer kommen Wanderer an der Staumauer vorbei. Was idyllisch wirkt, ist mit viel Arbeit verbunden, denn der Stausee und die weiteren Kraftwerke talabwärts sind den Kräften der Natur ausgeliefert: Lawinen und Erdrutsche sind keine Seltenheit.

Ende März 2018 lagen im Walliser Fionnay, im Val de Bagnes, eine noch fast 6 Meter kumulierte Schneemenge. Für angefressene Skifahrer, die gerne bis im April/Mai auf den Brettern stehen, sind solche Konditionen ein Traum. Für die Kraftwerke Mauvoisin und ihre 36 Mitarbeitenden haben Wetteränderungen, wie im letzten Winter und wie in diesem Winter einen unmittelbaren Einfluss auf ihre Arbeit. Prinzipiell gilt: Je mehr Schnee, je mehr Räumungsarbeiten rund um die Kraftwerke. "Solche Mengen an Schnee um diese Jahreszeit sind ungewöhnlich – normalerweise liegen Ende März eine rund 4 Meter kumulierte Schneemenge", weiss Johan Savioz, Chef Exploitation der Kraftwerke Mauvoisin.

Winter 2017/2018: Der Stausee Mauvoisin zugefroren – das kommt nicht jedes Jahr vor
Sicherheit geht vor

Die Strasse talabwärts entlang der insgesamt vier Kraftwerke – Fionnay, Chanrion und Champsec und Riddes – muss jederzeit zugänglich sein. „Vier Tage im Monat müssen wir physisch in der Stauanlage Mauvoisin sein und von Hand Messungen vornehmen. Egal, wie viel Schnee da liegt, wir müssen den Zugang zum Kraftwerk jederzeit garantieren“, erklärt Johan Savioz. Bei der Räumung der Zugangsstrasse sei Sicherheit immer an erster Stelle: „In den Wintermonaten arbeiten wir mit einem pensionierten Kraftwerksmitarbeiter zusammen, der ausgebildeter Bergführer ist, der das ganze Jahr über in Fionnay wohnt und daher das Gebirge kennt. Er kann die Wetterbedingungen im Gebiet gut einschätzen.“ Auch Lawinen seien keine Seltenheit. Je nach Grösse der Lawine und der Verschüttung der Strasse brauchen zwei Personen rund eins bis zwei Tage, um die Zufahrt zum Kraftwerk wieder zu räumen. Die Natur kennt manchmal keine Gnade: Kaum ist die eine Lawine geräumt, kann bereits die nächste die Zugangstrasse wieder verschütten – mit solchen Szenarien müssen die Kraftwerksangestellten in niederschlagreichen Wintern rechnen.

Klimawandel unmittelbar sichtbar

23 Jahre arbeitet Johan Savioz bereits für die Walliser Kraftwerke. Der Unterschied von früher und heute sei enorm: „Pro Jahr schrumpfen die Gletscher und ziehen sich bis zu 50 Meter zurück. Wo früher die Gletscherzunge direkt in die Wasserfassung reichte, befindet sich heute ein Bach, der mehrere hundert Meter talabwärts rinnt, bis er die Anlage erreicht", erklärt der Kraftwerkexperte.
Den Gletschern mit Südausrichtung unter 3'700 m ü. M. stehen keine rosigen Zeiten bevor: ETH-Forscher prognostizieren, dass sie bis ins Jahr 2100, also in rund 80 Jahren, vollkommen verschwunden seien. Die natürlichen Zuflüsse der Kraftwerke, zu denen heute die Gletscher gehören, würden sich dann von heute rund 270 Mio. m3 auf 200 Mio. m3 reduzieren. Zu diesem Schluss kommt auch Johan Savioz: „Heute können wir noch vom Volumen des Giétrozgletschers, Brenaygletschers, Otemmagletschers, Corbassièregletschers und des Mont-Durand-Gletschers profitieren. Mit Blick in die Zukunft sieht das allerdings anders aus."

Gletscherschwund über die Jahre – Johan Savioz ist ein Zeitzeuge
Kraftwerke Mauvoisin AG

Die Stauanlage Mauvoisin sowie die Kraftwerksstufen Mauvoisin-Fionnay und Fionnay-Riddes wurden von 1950 bis 1958 gebaut, das Kraftwerk Chanrion von 1959 bis 1964. Das 1930 errichtete Kraftwerk Champsec wurde im Jahr 1992 in die Kraftwerke Mauvoisin AG integriert. Betreibergesellschaft ist die Forces Motrices de Mauvoisin SA, an denen die Axpo Gruppe rund 68% Anteile hält. Die Staumauer Mauvoisin ist mit einer Höhe von 250 Metern die höchste Bogenstaumauer in Europa und zieht auch gerne Besucher an: Sie kann auf Voranmeldung von Montag bis Freitag besucht werden. Mehr Infos zum Besucherwesen gibt’s auf der Webseite.

Erdrutsche – schwierig einschätzbar

Lawinen lassen sich relativ gut vorhersagen und deren Risiken einschätzen. Dafür sind lokale Bergführer geschult und ausgerüstet. Bei Erdrutschen sieht es anders aus: Auch für Experten ist es schwierig, nach entsprechenden Niederschlägen einzuschätzen, wo die Möglichkeit eines Erdrutsches besteht. Bei den Kraftwerken Mauvoisin bestünde ein Sicherheitskonzept, das die Mitarbeitenden sicher in ihrer Arbeit begleitet. „Wir arbeiten auch im Sommer sehr eng mit lokalen Bergführern zusammen. Zusammen mit ihnen entscheiden wir, ob gewisse Gegenden risikoreich sind“, erklärt Johan Savioz, „teilweise dürfen wir Erdrutsche gar erst aufräumen, wenn die Temperaturen wieder sinken und die Zuflüsse abnehmen – sprich im Oktober/November. Für solche Einschätzungen ist unser Experte nicht selten im Helikopter über dem verschütteten Gebiet im Einsatz. Auch bei Erdrutschen steht die Sicherheit immer an erster Stelle.“

Johan Savioz in 23 Dienstjahren bei den Kraftwerken Mauvoisin einiges gesehen

Geröll verstopft nach einem Erdrutsch den Stollen

Grössere Steinblöcke können den Wasserfluss unterbrechen

Lawinen versperren nicht selten den Weg zum Stausee

Räumungsarbeiten nach Lawinenabgang

Wunderbare Natur

Auch wenn die Aufräumarbeiten von Lawinen und Erdrutschen für die Kraftwerksmitarbeitenden anstrengend sind, den Arbeitsort wechseln wollen wohl die wenigsten: von der Stauanlage auf rund 2'000 m ü. M. eröffnet sich eine atemberaubende Sicht hinauf auf die 4‘000er-Gipfel und hinab ins Val de Bagnes. Dort befindet sich das zweitgrösste Naturschutzgebiet der Schweiz mit rund 150 km2. Rund um die Kraftwerke erstrecken sich 400 km Wanderwege und 200 km Bikerouten. „Nicht umsonst arbeite ich schon 23 Jahre für die Kraftwerke Mauvoisin: Mir macht es Freude, in der Natur in dieser wunderbaren Gegend arbeiten zu dürfen und zu einer lokalen, erneuerbaren Stromproduktion beizutragen. Die Natur fordert zwar viel von uns, das macht die Arbeit aber umso spannender", schwärmt Johan Savioz von der Gegend und seiner Arbeit.

Eindrücke zur Stauanlage im Val de Bagnes:

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