25.01.2019 | Beim Umbau des deutschen Stromsystems läuft vieles schief

Die Schattenseiten der Energiewende

Deutschland baut die Stromproduktion um, stellt seine Kernkraftwerke bis 2022 ab und will den Anteil an erneuerbaren Energien massiv steigern. Doch die deutsche Energiewende ist nicht nur teuer, sie führt oft auch zu absurden Eingriffen in den Markt. Genau hinschauen lohnt sich – auch in der Schweiz.

Es ist ein gewohntes Ritual zum Jahresbeginn in Deutschland – Erfolgsmeldungen über die grüne Energiewende machen die Runde. Der Anteil an Energie aus Windkraft, Photovoltaik und Biomasse an der Stromproduktion sei mit 35 Prozent bereits gleich hoch wie der Anteil aus Kohlekraftwerken, lobt der Think Tank Agora Energiewende. Und bis 2030 sollen in Deutschland sogar 65 Prozent der Stromproduktion aus erneuerbaren Energien stammen.

Viel mediales Aufsehen gibt es jeweils auch, wenn es in Deutschland einen Tag zu vermelden gibt, an dem der komplette Strombedarf durch Erneuerbare gedeckt werden kann. Wenn allerdings genau das Gegenteil der Fall ist – wie etwa am Donnerstag, 10. Januar 2019, als der Anteil an grünem Strom um 14 Uhr auf nur noch 12,3 Prozent sank – ist das den Medien kaum eine Schlagzeile wert.

Dieses Beispiel und die Tagesgrafiken der Stromproduktion zeigen exemplarisch das Hauptproblem der deutschen Energiewende: Die Produktion an Erneuerbaren schwankt stark, ist oft nicht genau vorhersagbar und in Zeiten von «Dunkelflauten», wenn es also wenig Sonne und Wind hat, müssen mangels kostengünstiger, technischer Lösungen mit Grossbatterien als Speicher konventionelle Reservekraftwerke einspringen, damit die Versorgungssicherheit der deutschen Haushalte und Industrie mit Strom aufrechterhalten werden kann.

Auch sonst in die Energiewende in vielen Punkten keine Erfolgsgeschichte. «Beim Thema Energiewende werden die zentralen Ziele weiterhin verfehlt», zeigt das aktuelle Monitoring von McKinsey. Und gemäss einer Umfrage stehen die Deutschen zwar grundsätzlich hinter dem Ziel der Energiewende, aber nur 16 Prozent sind damit zufrieden, wie die Politik diese umsetzt.

Das sind die Fakten auf der Schattenseite:

  • Die Ausgaben für den Ökostrom aus Photovoltaik, Windkraft (on- und Offshore) und Biomasse sind 2018 auf Rekordhöhe geklettert. Die Stromkonsumenten zahlten 26,6 Mrd. Euro dafür. Das sind 10 Prozent mehr als im Vorjahr.

  • Der durchschnittliche Strompreis für einen Haushalt liegt in Deutschland bei knapp 30 Cent/kWh und damit im europäischen Vergleich an der Spitze. Im Vergleich dazu kostet die kWh in der Schweiz im Durchschnitt rund 20 Rappen, also mehr als einen Drittel weniger.

  • Das Stromnetz in Deutschland stabil zu halten, ist deutlich anspruchsvoller geworden. Die Netzbetreiber müssen heute 10x mehr Arbeitsstunden aufwenden um Blackouts zu verhindern als im Jahr 2010. Das geht natürlich auch ins Geld. Die Kosten für die Aufrechterhaltung eines stabilen Netzes steigen von 48 Mio Euro (2010) auf 1,45 Mrd. Euro (2017) und werden laut Bundesnetzagentur bis 2023 auf gegen 4 Mrd. Euro hochschnellen.

  • Der geplante Bau von Transportnetzen (neue Leitungen um den Windstrom aus Norddeutschland nach Süden zu transportieren), kommt kaum vom Fleck. Aktuell sind erst 912 der bis ins Jahr 2020 geplanten 3852 Kilometer fertig gestellt, heisst es dazu im Energiewende-Index von McKinsey.

  • Im Grosshandel fallen die Strompreise an Tagen mit geringer Nachfrage an Strom und gleichzeitig hoher Produktion aus Sonne und Wind ins Bodenlose. Nach Angaben der Bundesnetzagentur gab es 2018 in Deutschland 134 Stunden mit negativen Strompreisen. Am Neujahrstag 2018 gab es für die Abnehmer von Strom in der Spitze 76 Euro pro Megawattstunde obendrauf. Laut Schätzungen, so schreibt die «NZZ», drohen 2022 bereits 1000 Stunden mit solchen Negativpreisen im Grosshandel.

  • Die mit der Energiewende gesetzten Klimaziele werden verpasst. So sind die CO2-Emissionen in Deutschland seit 2000 im Elektrizitätsbereich nur um 6 Prozent zurückgegangen. Dies, weil einerseits 12 Prozent mehr Strom produziert wird als damals. Und andererseits, weil sich die CO2-freie Produktion aus Kernkraft seither halbiert hat, weil immer mehr KKW (Ende 2022 wird das letzte abgestellt) vom Netz gehen. Das ambitionierte Ziel den Ausstoss aus Treibhausgasen bis 2020 gegenüber 1990 um 40 Prozent zu senken, wird Deutschland verfehlen.

  • Im Süden Deutschlands, im bayrischen Irsching bei Ingoldstadt, wurde soeben eine Auktion für den Bau eines Gaskraftwerks abgeschlossen. Das Kraftwerk (300 MW Leistung) soll aber nicht für den Markt produzieren, sondern kommt nur in Notsituationen zur Netzstabilisierung zum Einsatz. Den Zuschlag für das Werk erhielt der Stromproduzent Uniper. Ein profitables Geschäft dank gesicherten Einnahmen aus der Kasse der Netzbetreiber, sprich Stromkonsumenten. Nur: Uniper besitzt in Irsching bereits zwei topmoderne, 2010 fertiggestellte Gaskraftwerke. Doch weil die Ökostromschwemme die Strompreise drückte, lassen sich die beiden Blöcke nicht profitabel betreiben. Allerdings verbietet die Bundesnetzagentur den Betreibern das Abschalten der Investitionsruinen. Ein kostspieliger Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit des Unternehmens.

Bestehendes Gaskraftwerk in Irsching (Bild: Uniper)

«Irsinn in Irsching», schreibt deshalb das deutsche «Handelsblatt» dazu. Und die «NZZ» titelte: «Absurdität mit System in der deutschen Energiewende». Es lohnt sich deshalb auch für die Schweiz, ganz genau hinzuschauen, um bei der Umsetzung der Energiestrategie 2050 und bei der Festlegung der politischen Rahmenbedingungen für die Stromproduktion nicht ähnliche, kostspielige Fehler zu begehen und die derzeit noch gute Versorgungssicherheit der Schweiz zu gefährden.

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