23.09.2019 | Daniela La Fauci-Schaufelbühl und die Gebärdensprache

Wenn Hände sprechen

Daniela La Fauci-Schaufelbühl arbeitet als HR-Manager bei Axpo. Die junge Aargauerin kommuniziert verbal genauso lebhaft wie mit den Händen, denn sie beherrscht die Gebärdensprache.

Vor vier Jahren am jährlich stattfindenden PluSport-Tag in Magglingen war Daniela La Fauci-Schaufelbühl erstmals als Helferin auf dem Gelände des Axpo Kids & Family-Days im Einsatz. Als sie sich angeregt mit einem jungen Mann austauschte, staunten die anderen Axpo Helfer, da die Unterhaltung stumm verlief. Dafür liessen die zwei gestenreich ihre Hände sprechen. "Der junge Mann war gehörlos, wir haben zusammen "gebärdet". Ich habe einen gehörlosen Bruder, deshalb habe ich die Gebärdensprache schon als Kind gelernt," löste Daniela das Rätsel auf.

Voller Energie im Einsatz: Daniela als Volunteer am PluSport-Tag in Magglingen.

Um mit Roger kommunizieren zu können, wendet Daniela Gebärdensprache an.

Danielas jüngerer Bruder ertaubte als Baby

In der Schweiz leben schätzungsweise 600‘000 Menschen mit einer Hörbehinderung, rund 10‘000 von ihnen sind vollständig gehörlos. Sie kommunizieren in der Gebärdensprache, mit der sie visuell ausdrücken, was Hörende in der Lautsprache tun. „Mein jüngerer Bruder Roger verlor sein Gehör als fünf Monate altes Baby aufgrund einer zu spät erkannten Hirnhautentzündung, die sich zu einer Hirnentzündung entwickelte. Durch diese Krankheit und die damit verbundene Lernbehinderung hat Roger nie sprechen gelernt“, erzählt Daniela. Im Gegensatz zu heute wurde früher bei Babys noch keine sogenannte „Cochleare“ implantiert. Bei Roger nützten bald keine Hörgeräte mehr und als er sieben Jahre alt war, scheiterte der Versuch einer Cochlear-Implantation, weil seine Hörschnecke bereits verknöchert war. Daniela: „Da sich mein Bruder „sprichwörtlich“ mit Händen und Füssen ausdrückt, kann er sich trotzdem mit Hörenden verständigen.“

Die Familie lernt die Gebärdensprache

Um mit Roger kommunizieren zu können, besuchte die Familie verschiedene Gebärdensprachkurse. „Wir haben auch selber Gebärden für Wörter „erfunden“ und so fast schon eine eigene Sprache entwickelt“, erzählt Daniela weiter. Roger besuchte als Kind eine Gehörlosenschule in Zürich. Heute lebt und arbeitet er in einer Wohn- und Arbeitsgemeinschaft für hör- und sprachbehinderte Menschen in der Stiftung Uetendorf-Berg in der Nähe von Thun. An den Wochenenden reist er regelmässig heim zu den Eltern. „Am liebsten beschäftigt Roger sich mit der Modelleisenbahn; die Bahn allgemein ist seine grosse Leidenschaft“, erzählt Daniela. Oder er verbringt die freien Tage mit Ausflügen mit der Familie. Roger liebt es, wenn etwas läuft.

„Die Gebärdensprache ist ein visuelles Sprachsystem mit eigener Grammatik, die sich stark von der deutschen Lautsprache unterscheidet“, erklärt Daniela. So werden Namen von Personen zum Beispiel als Bild einer persönlichen Eigenheit gebärdet.

Nur keine Berührungsängste

Und wie gehen Hörende am besten auf Gehörlose zu? „Man sollte keine Berührungsängste haben“, sagt Daniela, „lächeln und winken, so wie wir es auch bei Hörenden intuitiv tun. Das funktioniert meiner Erfahrung nach immer.“ Auch in Magglingen hatte das perfekt geklappt. Es war Daniela, die mit einem fröhlichen Lachen und kleinen Winkgesten Kontakt zum Gehörlosen aufgenommen hatte. Dieser strahlte und antwortete mit den Händen: „Warum kannst du gebärden?“ Daniela wünscht sich manchmal mehr Toleranz von Hörenden: „Gehörlosigkeit ist unsichtbar, das macht es vor allem für erwachsene Betroffene schwierig. Sie werden aus Unwissenheit oft als eigenartig oder ignorant eingestuft, weil ihre Stimme ungewohnt tönt oder sie auf Zurufe nicht reagieren.“

Gehörlosigkeit
  • Gehörlosigkeit bedeutet, dass Geräusche und Töne aufgrund einer beidseitigen Taubheit nicht mehr wahrnehmbar sind. Die medizinische Definition von Gehörlosigkeit bezieht sich nur auf das Hörvermögen.

  • Bei den Begriffen Gehörlosigkeit, Schwerhörigkeit, Hörsehbehinderung und Ertaubung handelt es sich um verschiedene Grade der Beeinträchtigung des Gehörs. Sie werden unter dem Überbegriff „Hörbehinderung“ zusammengefasst.

  • Aus Sicht der Betroffenen selbst wird Gehörlosigkeit nicht über fehlendes Hörvermögen definiert, sondern sprachlich und kulturell. Gehörlose sind Hörbehinderte, die vorzugsweise in Gebärdensprache kommunizieren und sich der Gebärdensprachgemeinschaft und ihrer Kultur zugehörig fühlen.

  • Je nach Sprachregion werden in der Schweiz verschiedene Gebärdensprachen benutzt: Die Deutschschweizer Gebärdensprache, die französische Gebärdensprache und die italienische Gebärdensprache). Die Deutschschweizer Gebärdensprache unterscheidet sich von der Deutschen Gebärdensprache und kennt fünf regionale Dialekte.

  • Gebärdensprachen entwickeln sich in einer Sprachgemeinschaft, genau wie Lautsprachen. Zum Verständnis untereinander benutzen Gebärdende verschiedener Nationen häufig American Sign Language oder International Signs, künstliche Gebärden, die als «Verkehrssprache» erfunden wurden – ähnlich wie die gesprochene Sprache Esperanto.

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