28.06.2019 | Wie viel Potenzial steckt in der Schweizer Wasserkraft?

Erneuerbar, aber nicht unbegrenzt

Rund 60 Prozent des in der Schweiz produzierten Stroms stammt aus der Wasserkraft. Geht es nach der Energiestrategie 2050 des Bundes soll die jährliche Stromproduktion aus Wasserkraft von 35,9 TWh bis 2050 auf 38,6 TWh gesteigert werden. Doch aus Expertensicht ist es fraglich, ob dieses Ziel erreicht werden kann. Zu schwer schwiegen technische, politische und finanzielle Gründe. 

Klar ist, Wasserkraft ist die wichtigste Ressource der Schweizer Stromversorgung. Ebenso klar ist: Das Potenzial dieser fast C02-freien Stromproduktion ist hierzulande weitgehend ausgeschöpft. Das sieht auch der Bund so. Denn in der Energiestrategie 2050 soll die Wasserkraft zwar weiter ausgebaut werden, aber nur um vergleichsweise bescheidene sieben Prozent. Und selbst daran bestehen aus Expertensicht erhebliche Zweifel. 

Produktion könnte sinken statt steigen

Das Bundesamt für Energie (BFE), der Schweizerische Wasserwirtschaftsverband (SWV) und die ETH Zürich (ETHZ) sind in ihren Schätzungen für die Wasserproduktion in 2050 zurückhaltend. Die Worst Case Szenarien gehen von einer Produktion zwischen rund 31 und 31,9 TWh pro Jahr aus, also klar unter der aktuellen Produktion. Die mittleren Szenarien sehen die Produktion zwischen 35,4 und 37,8 TWh pro Jahr. Der Grund für die Zurückhaltung: Die im Gewässerschutzgesetz formulierten Regeln für die Restwassermengen könnten – je nach Auslegung – zu Produktionseinbussen führen. Einzig die Best Case Szenarien der Experten stützen das Ausbauziel der Energiestrategie 2050 zumindest teilweise. Während SVW und ETHZ eine ausreichende Produktion von 40,6 resp. 41,6 TWh pro Jahr erwarten, verfehlt selbst das Best Case Szenario des BFE mit - 37,7 TWh das Ausbauziel.

Von Worst zu Best Case: Die Wasserkraftpotenziale betragen 2050 zwischen 31,9 und 41,6 TWh, Quelle: Robert Boes, ETHZ
Wo die Ausbaupotenziale liegen 

Doch wo liegen sie überhaupt, die Ausbaupotenziale der Schweizer Wasserkraft? ETH-Professor Robert Boes, Leiter der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie, ist genau dieser Frage nachgegangen. Und hat dabei vier Handlungsoptionen identifiziert:

  • Neubau von Wasserkraftwerken
  • Anlageoptimierungen von Laufkraftwerken in Mittellandflüssen
  • Wasserkraftpotenzial im vergletscherten Umfeld
  • Produktionsverlagerung in den Winter mit erhöhten Talsperren

Mit dem Neubau von Gross- und Kleinwasserkraftwerken könnten 1,4 bis 2,6 TWh pro Jahr gewonnen werden. Angesichts der aktuell nicht gegebenen Rentabilität der heimischen Wasserkraft ist zurzeit aber kaum an Neubauten zu denken. Hinzu kommen ökologische Hürden, denn neue Kraftwerke haben immer auch Auswirkungen auf Natur und Landschaft. Durch Anlageoptimierungen bestehender Laufkraftwerke könnten 0,6 bis 1,1 TWh pro Jahr erzielt werden – aber auch hier stellt sich die Frage der Wirtschaftlichkeit. Mit der Erhöhung von bestehenden Talsperren schliesslich liessen sich je nach Umsetzung zwischen 1,7 bis 2,8 TWh pro Jahr Stromproduktion vom Sommer in den Winter verlagern. 

Neue Kraftwerke dank Klimawandel? 

Neues Speicherpotenzial liegt auch in der sogenannten periglazialen Wasserkraft. Damit sind neue Kraftwerksstandorte gemeint, die aufgrund des Gletscherrückzugs möglich werden. Robert Boes hat sieben solche Standorte ausgemacht: Aletsch-, Gorner-, Grindelwald-, Höfli-, Rhone-, Roseg-, und Triftgletscher. Würden an alle diesen Standorten Kraftwerke gebaut, könnten diese jährlich etwa 1,1 TWh Strom produzieren. Theoretisch, denn es braucht nicht viel Phantasie, um sich den Widerstand gegen ein Kraftwerk z.B. im UNESCO-Welterbe Aletschgletscher vorzustellen…

Fazit: Das Ausbaupotenzial der bereits stark genutzten Wasserkraft ist und bleibt begrenzt – aus technischen, finanziellen und politischen Gründen.

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