16.11.2022 | Exportiert wird nur dann, wenn das Angebot den Bedarf übersteigt

Stromexport ins Ausland, trotz Mangellage?

Im Winter droht Strom zur Mangelware zu werden. Der Bund appelliert zum Sparen. Gleichzeitig nahmen die Stromexporte der Schweiz in den ersten neun Monaten 2022 ins Ausland zu. Das hat aber mit den gestiegenen Strompreisen (und nicht mit absoluten Mengen) zu tun und damit, dass die Schweiz vor allem im Sommer Überschüsse der heimischen Stromproduktion exportieren muss. Denn Strom kann nicht gelagert werden. Im Winter ist die Schweiz hingegen auf Importe angewiesen.  

Die Schweiz hat im laufenden Jahr mengenmässig nicht mehr Strom ausgeführt als im Vorjahr, aber der Umsatz ist wegen der deutlich höheren Strompreise gestiegen. Gemäss Elektrizitätsstatistik  exportierte sie vom Januar bis September 2022 physikalisch 3 Terawattstunden (TWh) weniger als im Vorjahr des gleichen Zeitraums. Auch importierte sie in den ersten neun Monaten mehr Strom als sie exportierte. So lagen die Nettoimporte bei 1,4 TWh, dies bei einer Gesamtproduktion von 42,7 TW.

In den letzten 20 Jahren wies die Schweiz über das ganze Jahr mehrheitlich einen Exportüberschuss aus, wobei die Nettoexporte gemessen an der jährlichen Gesamtproduktion gering sind. 

Kaum ein anderes Land kann im Winter so flexibel liefern

Aber warum wird Strom überhaupt exportiert, wenn wir doch auf eine Mangellage im Winter zusteuern? Strom kann nicht einfach heute gelagert und im Winter quasi aus dem Lager geholt und genutzt werden. Er lässt sich (noch) nicht in grossen Mengen elektrisch speichern. Es muss zu jedem Zeitpunkt immer so viel Strom ins Netz eingespeist werden, wie gerade verbraucht wird. Sonst kann es zu Stromunterbrüchen kommen.

Der Aussenhandel hilft saisonale Schwankungen auszugleichen und trägt damit zur sicheren Stromversorgung bei. Übersteigt das Angebot die Nachfrage, wird überschüssiger Strom exportiert. Ist die Nachfrage höher, müssen wir Strom importieren.

Typischerweise exportiert unser Land in den Sommermonaten und im Herbst, wenn vor allem die heimische Wasserkraft viel Strom produziert. Im Winter, bei gesunkenen Pegelständen, liefert sie weniger. Auch hat sich der Bedarf in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr hin zum Winterhalbjahr verschoben: Im Winter 1960/1961 betrug der Anteil des Landesverbrauchs am Verbrauch des hydrologischen Jahres noch 49,5 Prozent. Inzwischen sind es längst mehr als 50 Prozent (Winter 2020/2021: 54,3%).

Historisch vernetzt

Unser Stromnetz ist an 41 Stellen mit jenem der Nachbarländer verbunden und Teil eines Netzes, das sich über den gesamten europäischen Kontinent erstreckt. Darin fliesst der Strom frei und sucht sich seinen Weg entlang des geringsten Widerstands, ganz ähnlich wie Wasser auch. Der mit Abstand wichtigste Abnehmer heimischen Stroms ist Italien, unsere wichtigsten Stromlieferanten sind Frankreich und Deutschland.  

Den Grundstein für das europäische Verbundnetz wurde bereits 1958 mit dem sogenannten Stern von Laufenburg gelegt, als die Netze der Schweiz, Deutschlands und Frankreichs miteinander gekoppelt worden sind. Überschüsse bzw. ein Mangel an Strom liessen sich so gegenseitig kompensieren, der Strom nach Bedarf aus- bzw. einführen. Das ist auch heute noch so, nur in einem Verbund, der mittlerweile fast ganz Europa einschliesst.

Warum Autarkie keine gute Idee und die Schweiz trotz Importabhängigkeit im Winter gut positioniert ist, erläutert Martin Koller, Head Corporate Strategy and Economics. 

Martin, verkauft Axpo Strom ins Ausland, den wir eigentlich in der Schweiz brauchen würden?

Nein, gerade im Winter, wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, exportieren wir keinen Strom, sondern der von uns in der Schweiz produzierte Strom bleibt in der Schweiz und wird im Moment der Produktion auch hier konsumiert. Wir exportieren also nur, wenn in der Schweiz kein Bedarf besteht. Umgekehrt wird im Winter typischerweise auch Strom von ausländischen Kraftwerken in die Schweiz transportiert. Auch deswegen lohnen sich für die Versorgungssicherheit der Schweiz Investitionen im Ausland.

Was spricht eigentlich dagegen, dass sich die Schweiz autark mit Strom versorgt?

Die Stromerzeugung der Schweizer Kraftwerke – vor allem der Wasserkraft – schwankt saisonal. Im Sommer kommt es zu Überschüssen, im Winter reicht die Produktion nicht aus. Die Schweiz ist somit auf den Handel mit den Nachbarländern angewiesen. Dank ihrer Speicherseen und Speicherwasserkraftwerken kann sie aber kurzfristig so viel Strom liefern, wie es im europäischen Vergleich kaum ein anderes Land kann. Zwar ist sie im Winter von Importen abhängig. Die Flexibilität, kurzfristig viel Strom zu liefern, ist aber ein grosser Vorteil. Kämpft ein Nachbarland mit einem Engpass, können wir sehr schnell wertvollen Strom liefern. Im Gegenzug bekommen wir dafür mehr Strom geliefert, einfach zu anderen Tageszeiten.

Aber angenommen, wir würden die Produktion in der Schweiz so stark ausbauen, dass wir den Bedarf auch im Winter zuverlässig decken könnten

Das würde Unsummen an Investitionen bedeuten und gleichzeitig hätten wir dann noch immer das Problem der Überschüsse. Ohne Verbundnetz und einem gut funktionierenden Aussenhandel könnten wir diese nicht mehr exportieren. Unser Netz würde zusammenbrechen. Keine gute Idee. 

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