28.11.2019 | An der Muttsee-Staumauer entsteht die erste alpine Solar-Grossanlage der Schweiz

Winterstrom von der Staumauer

Dank der Glarner Bergsonne soll die geplante Photovoltaik-Anlage auf der Muttsee-Staumauer besonders während der Wintermonate viel Strom liefern. Projektleiter Christian Heierli erklärt, wieso dieser Winterstrom so wichtig ist und weshalb noch nicht klar ist, ob die Pionieranlage rentiert. 

Christian, wieso ist es überhaupt sinnvoll, auf der Muttsee-Staumauer eine Solaranlage zu installieren?
Weil sich die Staumauer ausserordentlich gut dafür eignet. Wir haben eine bestehende, erschlossene Infrastruktur und müssen keine neue Fläche bebauen. Die Staumauer ist gegen Süden ausgerichtet und damit optimal besonnt. Und die Anlage liefert einen besonders grossen Anteil Ihrer Produktion während der Wintermonate – doppelt so viel wie eine vergleichbare Anlage im Mittelland. Denn sie liegt auf über 2400 Meter Höhe. Das heisst: weniger Nebel, erhöhte Produktion dank Schnee-Reflexionseffekt und höherer Wirkungsgrad aufgrund der tiefen Temperaturen.

Wieso ist es wichtig, Strom während der Wintermonate zu produzieren?
Weil die Schweiz im Winter deutlich weniger Strom produziert, als sie verbraucht. Und diese Tatsache dürfte sich in den nächsten Jahren deutlich verstärken, wenn Grosskraftwerke vom Netz genommen werden. Es gibt verschiedene Ansätze, den im Winter fehlenden Strom zu ersetzen. Man kann ihn – soweit vorhanden – importieren, man kann die saisonalen Speicher ausbauen oder man kann witterungsunabhängige Kraftwerke bauen. Ein weiterer wichtiger Ansatz ist aus Sicht von Axpo der Bau von alpiner Photovoltaik. Mit dieser Anlage wollen wir zeigen, dass das möglich ist.

Die Anlage auf der Muttsee-Staumauer wird zwar einen grossen Teil Ihrer Produktion im Winter liefern – aber im Vergleich zu den Grosskraftwerken, die abgeschaltet werden, macht das doch keinen Unterschied?
Solaranlagen in der Schweiz sind standortbedingt immer vergleichsweise klein. Der Solarstromanteil liegt landesweit im tiefen einstelligen Prozentbereich, ist aber stark ausbaubar. Es stimmt: Die Anlage auf der Muttsee-Staumauer liefert alleine keinen wesentlichen Beitrag. Man müsste weitere Standorte ausbauen, die nicht in einem Schutzgebiet liegen und die bereits gut erschlossen sind. Das könnten Skigebiete sein, oder eben Staumauern. Mit der Anlage beim Muttsee wollen wir zeigen, dass es machbar ist. 

Was soll konkret auf der Staumauer entstehen?
Das Projekt sieht eine Anlage mit einer installierten Leistung von 2 Megawatt und einer Jahresproduktion von 2,7 Gigawattstunden vor – das entspricht dem Stromverbrauch von etwa 600 durchschnittlichen Vierpersonenhaushalten. Wir werden gut 6’000 Solarmodule auf 10’000 Quadratmetern Fläche installieren. Die Anlage wird gut ein Meter über der Staumauer installiert, damit der Zugang zur Mauer für Unterhalt und Wartung gewährleistet bleibt.

Die Muttsee-Staumauer ist ja schon lange fertig. Wieso macht Axpo mit der Solaranlage erst jetzt vorwärts?
Das Pumpspeicherwerk Limmern, zu dem die Muttsee-Staumauer gehört, ist noch bis Ende 2019 offiziell im Probebetrieb. Das heisst, die Staumauer wird noch bis Ende Jahr intensiv beobachtet. Deshalb haben wir mit der Solaranlage bisher zugewartet.

Projektleiter Christian Heierli auf der Muttsee-Staumauer

Wie kompliziert ist es, auf der Staumauer eine Photovoltaikanlage zu installieren?
Logistisch ist es recht aufwändig. Die Staumauer selbst ist über die Strasse nicht erreichbar. Es gibt zwar Stollen, die vom Pumpspeicherwerk bis zur Mauer führen. Allerdings handelt es sich dabei um Unterhaltsstollen, die nicht für den Materialtransport geeignet sind. Das Material wird also im Tal bis nach Tierfehd geliefert und später mit dem Helikopter in den Bereich der Mauer gebracht. Das Zeitfenster für diese Arbeiten ist sehr eng – die Anlage muss während des alpinen Sommers gebaut werden. Das sind gerade einmal drei Monate.

Und der viele Schnee im Winter ist kein Problem für den Betrieb der Anlage?
Wir müssen die Schneemengen natürlich in unsere Betrachtungen einbeziehen. Die Solaranlage wird in einem Winkel von 77 bzw. 51 Grad an die Staumauer montiert – steil genug, dass der Schnee abrutscht. Aufgrund der hohen Schneemengen im Winter haben wir beschlossen, im untersten Teil der Mauer keine Module zu installieren. Im Übrigen hilft uns der Schnee ja auch: dank des Reflexions-Effekts wirkt er sich positiv auf die Solarstromproduktion aus.

Wird die Anlage rentabel sein?
Das können wir heute nicht mit Bestimmtheit sagen. Wir können sagen: Es wird nicht einfach. Die heute vorgesehene Förderung ist bescheiden. Sie entspricht weniger als 15 Prozent der Investitionskosten. Der Förderrahmen in der Schweiz ist für den Eigenverbrauch von Hausbesitzern gemacht. Das ist zum Beispiel im Mittelland durchaus attraktiv: Hier kann man den etwas höheren Stromtarif seines Versorgers mit günstigerem Solarstrom vom eigenen Dach ersetzen. Das rechnet sich über 15 bis 20 Jahre. Wir müssen mit unserem Solarstrom an den Markt – da ist es schwieriger. Wir sind aber derzeit mit verschiedenen Interessenten wegen eines langfristigen Stromabnahmevertrags im Gespräch. So konnte Axpo zum Beispiel in Portugal eine grosse Solaranlage ohne staatliche Förderung realisieren. 

Heisst das, Axpo wird die Anlage auch bauen, wenn sie nicht rentiert?
Das können wir erst sagen, wenn genauere Zahlen vorliegen. Es handelt sich um ein Pilotprojekt, das es in dieser Form noch nicht gibt. Was wir sagen können: Axpo will diese Anlage bauen. Wir gehen davon aus, dass die Winterstromproblematik auch politisch zum Thema, und deshalb die alpine PV wichtiger wird. Wir wollen hier einen Schritt voraus sein.

Was bräuchte es denn politisch, um solche Anlagen interessanter zu machen?
Wir könnten uns Ausschreibungsverfahren vorstellen, wie es sie zum Beispiel in Frankreich gibt. In diese Richtung gehen derzeit auch die Bestrebungen des Bundesrats. Die Schweiz hinkt beim Zubau der Erneuerbaren hinterher. Während der letzten Jahre war sie eines der schwächsten Länder Europas. Und die Schweiz hat zu wenig Energie im Winter. Wir müssen uns entscheiden, wie wir damit umgehen. Eine Importstrategie ist problematisch. Damit machen wir uns abhängig und wir wissen auch nicht, ob langfristig genügend Kapazitäten vorhanden sind. Die Winterstromproblematik gehört deshalb aufs politische Tapet.

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