19.07.2019 | Interview mit dem Empa-Forscher Martin Rüdisüli

«Tun wir nichts, gibt es ein grösseres Stromdefizit»

Setzt die Schweiz voll auf Wärmepumpen und Elektromobilität, droht im Winter - ohne weitere Massnahmen - ein gigantisches Stromdefizit. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Empa. Die Studie sorgt für Zündstoff, erntete viel Lob aber auch Kritik. "Ziel erreicht", resümiert Empa-Forscher Martin Rüdisüli.

Wenn wir für den Klimaschutz auf Wärmepumpen und Elektroautos setzen, haben wir im Winter zu wenig Strom. Ist das die Kernbotschaft Ihrer Studie?
Es gibt mehrere Botschaften. Aber grundsätzlich schon. Wenn wir vermehrt mit Wärmepumpen heizen, Elektroauto fahren und zwar ohne Kernkraft und mit viel Photovoltaik - so wie es heute angedacht ist - laufen wir im Winter in ein grösseres Defizit. Zumindest, wenn wir sonst nichts unternehmen; wenn wir also nicht zusätzlich erneuerbare Energie produzieren und keine zusätzlichen Effizienzmassnahmen oder Speichermöglichkeiten finden.

Wie kommen Sie zu diesem Schluss?
Wir gehen davon aus, dass wir den Heizenergiebedarf dank Sanierungsmassnahmen um rund 40 Prozent senken können. Der restliche Wärmebedarf würde künftig zu 75 Prozent aus Wärmepumpen gedeckt. Bei der Mobilität haben wir angenommen, dass rund 20 Prozent der Kilometer elektrisch gefahren würden - das sind immerhin fast zwei Drittel aller Fahrten. Unter dem Strich bleibt eine Steigerung des Stromverbrauchs um 25 Prozent.

Die Energiestrategie 2050 des Bundes geht von einem sinkenden Stromverbrauch aus. Ihre Studie erwartet einen höheren Verbrauch. Warum?
Wie sich der Gesamtverbrauch in Zukunft entwickelt, ist schwierig vorauszusagen. Wir wollten uns nicht auf Prognosen verlassen und haben einen einfacheren Ansatz gewählt. Wir haben aktuelle Verbrauchswerte angeschaut und uns gefragt: Was wäre, wenn wir so weitermachen wie heute angedacht, ohne zusätzliche Massnahmen zu treffen.

EMPA-Forscher Martin Rüdisüli

Welche zusätzlichen Massnahmen bräuchte es, um das Stromdefizit zu überbrücken?
Vor allem Speichermassnahmen um Energie über den Tag hinweg aber auch saisonal zu speichern. Ich denke nicht nur an Stromspeicher. Die verschiedenen Bereiche müssten gekoppelt werden – also Batteriespeicher, Pumpspeicher, Wärmespeicher aber auch Power-to-Gas.

Sie sehen Ihre Studie auch als Denkanstoss. Heisst das, die Studie ist vor allem provokant und weniger realitätsnah?
Im Gegenteil. Sie ist äusserst realitätsnah. Sie nutzt echte, gemessene Daten. Nicht irgendwelche Mittelwerte oder Prognosen. Aber es ist eben auch eine «Was-Wäre-Wenn-Geschichte». Unsere Studie zeigt: Wenn wir keine Massnahmen treffen, die über die heute akzeptierten hinausgehen, müssen wir viel Strom importieren, oder ihn mit Gaskombikraftwerken produzieren.

Ihre Studie geht davon aus, dass in Zukunft alle Elektroautos gleichzeitig laden und alle Wärmepumpen gleichzeitig heizen. Das führte zu Kritik, weil Sie das Lastmanagement schlicht ausser Acht liessen.
Lastmanagement hat tatsächlich grosses Potential. Lastmanagement hilft auch, stochastisch auftretende erneuerbare Energie wie beispielsweise Solarstrom besser zu nutzen. Da möchten wir gerne in einer weiteren Studie untersuchen, was möglich ist. In dieser ersten Studie haben wir primär analysiert, was passiert, wenn wir eben nur die bisher angedachten Massnahmen treffen – und nichts weiter tun.

Hat die Studie ihr Ziel erreicht?
Voll und ganz. Es gab viel Feedback – vor allem positives. Wir haben gezeigt, dass es im Winter problematisch werden könnte, wenn wir den relativ einfachen und heute akzeptierten Weg unkritisch weiter beschreiten.

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