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17.07.2023 | Einfach erklärt: Warum der Strompreis negativ sein kann

Negativer Strompreis: Absehbarer Trend?

Zuerst vereinzelt und aktuell wieder häufiger: Warum ist der Strompreis negativ und wie wirkt sich das aus? Wir erklären, wie es dazu kommt und ob das von alleine wieder vorbeigeht. Kleiner Spoiler: Es wird auch in den nächsten fünf Jahren noch negative Strompreise geben.

Grundsätzlich entsteht der Strompreis durch Angebot und Nachfrage auf den kurz- und langfristigen Strommärkten. Der negative Strompreis ist die etwas kuriose Situation, dass Geld bezahlt wird, damit der Strom abgenommen wird. Das heisst: Eine Firma lässt die Maschinen laufen mit flexiblem Tarif – sie bekommen Geld dafür dass sie den Strom brauchen, wenn gerade zu viel eingespiesen wird.

Schweizer Unternehmen können profitieren

Das ist sozusagen wie eine extreme Variante des Niedertarifs beim Endkunden. Und da sind wir bei etwas Wichtigem: Da der Markt in der Schweiz nur teilweise liberalisiert ist, hat der negative Strompreis keinen Einfluss auf den Endkunden in der Schweiz. Ein Privathaushalt hat einen fixierten Preis. Und kann da tatsächlich nur aussuchen, ob Strom bei Nieder- oder Hochtarif konsumiert wird.  

In Deutschland mit voller Marktöffnung gibt es jedoch erste Tarife für Endkunden, die sich an den Preisen auf den Kurzfristmärkten orientieren. Diese Kunden können profitieren, zahlen jedoch auch entsprechend mehr bei Preisausschlägen nach oben.

Im Gegensatz zum Privatkundenmarkt gilt die Marktöffnung für den Grosskundenmarkt. Grosskunden können also selbst entscheiden, ob sie einen fixen Tarif haben wollen, oder variable Tarife. Je besser sie ihre Last verschieben können, desto eher nehmen sie einen variablen Tarif – von dem sie bei negativen Preisen profitieren.

 

Der typische Tag: Sonntag, Mittag, Wind und Sonne

Typischerweise kommt es nämlich zu einem negativen Strompreis an einem Sonntag Mittag oder an einem Feiertag, wenn wenig Strom konsumiert und viel Strom produziert wird – beispielsweise weil es viel windet oder die Sonne gerade scheint und Wind- und Solarenergie produziert wird.

Nun könnte man ja einfach eine andere Produktion stoppen – so einfach ist das aber nicht.

Wir haben bei Thomas Weber, Energieökonom bei Axpo, nachgefragt, was man zum negativen Strompreis wissen muss.

 

Thomas, wenn zu viel Strom produziert wird, warum stoppt man dann nicht die Produktion?

Die Stromproduzenten müssen tatsächlich überlegen, ob man überhaupt produzieren möchte in diesen Momenten. Wir versuchen in einer solche Situation unsere flexiblen Kraftwerke einzusetzen. Wir versuchen nicht zu produzieren, wo es möglich ist, aber auch Strom einzusetzen, um Wasser hochzupumpen, zum Beispiel beim PSWL (Pumpspeicherwerk Limmern). Wo möglich versuchen wir Speicherseen zu füllen für eine Zeit, wenn die Strompreise wieder positiv sind. Für Pumpspeicher ist es also eine vorteilhafte Situation – die Nachfrage der Pumpspeicher hilft aber auch, die Negativpreise zu dämpfen oder zu vermeiden. 

Denn die, die den Strom verkaufen, nehmen ja auch weniger ein, wenn er dann so günstig oder sogar eben negativ verkauft wird.

Ob man aber produziert oder nicht, ist von unterschiedlichen Faktoren abhängig. Da gibt es zum Beispiel die Kraftwerke, bei denen es zu teuer ist, ab- und wieder anzuschalten.

Oder die, die gar nicht können – zum Beispiel ein Laufwasserkraftwerk. Wir haben zum Beispiel Laufwasserkraftwerke, die man aus Konzessionsgründen nicht abschalten kann, und für diese sind negative Preise nicht positiv.  

 

Warum kommt es denn überhaupt zu Produktionsspitzen?

In der ursprünglichen Förderung von Wind- und Solaranlagen wurde stets der gleiche Einspeisetarif bezahlt, egal wann eingespeist wird. Wenn es viele solche Anlagen gibt, ist dies definitiv ein Treiber für negative Strompreise. Ab 2017 wurde die Förderung in Deutschland aber «intelligenter» gemacht, vor allem für Grossanlagen. Für sie lohnt es sich jetzt, bei negativen Preisen die Produktion zu stoppen. Auch bei neuen Kleinanlagen wurde die Regulierung verbessert, sie erhöhen aber immer noch etwas die Tendenz zu negativen Preisen. Wenn nach und nach alte Grossanlagen aus dem Fördersystem fallen, verbessert sich die Lage. In der Schweiz ist das Problem insgesamt aber weit geringer als in Deutschland. 

Thomas Weber, Energieökonom bei Axpo, über die Hintergründe zu den negativen Strompreisen.

Was ist denn in der Schweiz anders als in Deutschland?

Es gibt in der Schweiz viel weniger Anlagen mit fixem Einspeisetarif, der Zubau von PV und Wind war bisher deutlich geringer als in Deutschland. Die Preistäler sind ja gerade dann, wenn die Erneuerbaren viel produzieren. Ausserdem kann im Verhältnis zum Verbrauch in der Schweiz viel mehr gespeichert werden wegen den Pumpspeichermöglichkeiten.

Wenn Erneuerbare ausgebaut werden - werden negative Strompreise dann häufiger?

Erst ja, dann nein. Zum Beispiel kleine Dachanlagen erhalten fixe Tarife und kommen laufend dazu. Dadurch bleiben negative Preise ein Thema, das vielleicht noch etwas zunimmt. Aber es fallen ja Anlagen aus der Förderung, gerade in Deutschland, und daneben nimmt auch die Flexibilität der Nachfrage zu, was den Preis wieder glättet. Zum Beispiel wenn Solarzellen mit Batterien verknüpft werden, oder Elektroautos «clever» geladen werden. Leider gibt es in der Schweiz noch keine Tarifmodelle, die flexible Nachfrage belohnen. Heute sind in der Schweiz für die Endkunden die Gestehungskosten (Herstellungskosten) ausschlaggebend für den Strompreis. Die vollständige Marktöffnung würde hier helfen, die Tariflandschaft zu modernisieren.

Bremst der negative Strompreis den Ausbau der Erneuerbaren?

Es werden nicht alle Erneuerbaren gefördert, bzw. die Förderung ist zeitlich begrenzt. Dann müssen die Einnahmen vom Markt kommen, und negative Preise schmerzen natürlich. Diese Gefahr wird bei Investitionsentscheiden berücksichtigt, was den Ausbau bremsen kann. Bei Axpo ist das Ziel, einen ausgewogenen Technologie- und Länder-Mix zu haben.

Ist der negative Strompreis etwas Neues?

Die Energieknappheit der letzten zwei Jahre hat das ganze Strompreisniveau so hochgehoben, dass es jetzt länger keinen negativen Strompreis mehr gab. So wurde der Häufungstrend unterbrochen. Es gab kaum mehr Ausschläge unter 0. Jetzt, wo sich der Strommarkt etwas beruhigt hat, sieht man es wieder häufiger: Null- und Negativpreise kommen wieder zum Vorschein. 

Wie geht es weiter?

Zunächst wird die Häufigkeit zunehmen, langfristig, also gegen Ende des Jahrzehnts, jedoch wieder abnehmen. Die Förderung wird laufend cleverer und die Nachfrage wird flexibler werden und so werden die negativen Preise langsam wieder verschwinden.

Weitere Informationen

Hören Sie auch Chefökonom Martin Koller bei SRF Rendez-vous zu: Negative Strompreise – wer profitiert davon?

Mehr Informationen zum Strompreis allgemein lesen Sie im Interview mit Chefökonom Martin Koller hier.

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