07.05.2026 | Am Fluss, im Wald, für alle – unterwegs beim KW Wildegg-Brugg mit Silvan Frei
Wenn Silvan Frei, Leiter Infrastruktur des Kraftwerks Wildegg-Brugg, in den Pickup steigt, beginnt der Alltag abseits der Turbinen. Vieles, was selbstverständlich wirkt, ist das Resultat seiner Arbeit – von sicheren Wegen bis zum gesunden Wald. Denn der Auftrag der Wasserkraft reicht weit über die Stromproduktion hinaus.
Das Kraftwerk Wildegg-Brugg ist das leistungsstärkste Wasserkraftwerk der Aare. Gegen 300 Mio. Kilowattstunden sauberen Strom liefert es im Mittel pro Jahr – genug für rund 55’000 Haushalte. Das Konzessionsgebiet erstreckt sich über 9,35 Kilometer von Wildegg bis zur Eisenbahnbrücke zwischen Umiken und Brugg und umfasst Teile des Auenschutzparks Aargau. Der artenreiche Auenwald ist von nationaler Bedeutung.
Das Naherholungsgebiet lockt zahlreiche Jogger, Biker, Spaziergänger und Naturliebhaber an. Hier wird gebadet, geböötlet, gepicknickt und auch Party gemacht. Damit das möglich ist, braucht es im Hintergrund regelmässig Pflege der Wege, Rastplätze und Anlagen sowie Massnahmen für Natur und Hochwasserschutz.
«Viele denken bei einem Kraftwerk nur an Turbinen und Stromproduktion. Aber der Auftrag geht weit darüber hinaus», sagt Betriebsleiter Manuel Häfeli. Er verantwortet neben Wildegg-Brugg auch die operative Führung der Wasserkraftwerke Rüchlig, Windisch und Augst. Jede Parzelle im Perimeter muss gemäss Konzessionsauflage des jeweiligen Werks unterhalten werden. Viele merken erst, wie viel Arbeit dahintersteckt, wenn sie einmal ausbleibt, etwa, wenn es nach starkem Regen zu grösseren Schlaglöchern auf Waldwegen gekommen ist. Dass dann hin und wieder ein Biker reklamiert, weil er das Tempo drosseln muss, gehört dazu.
Lokales Gewerbe profitiert
Insgesamt zählen die vier Werke 35 Mitarbeitende, einschliesslich Lernender. Diesen Sommer stösst ein weiterer Lehrling zum Bereich Infrastruktur und beginnt seine dreijährige Ausbildung als Fachmann Betriebsunterhalt. Silvan Frei wird ihn unter seine Fittiche nehmen. Der ausgebildete Forstwart und Landmaschinenmechaniker leitet den Bereich. Rund 80 Prozent seiner Arbeitszeit steht er draussen vor Ort im Einsatz – dort, wo Kraftwerksbetrieb, Naturschutz, Sicherheit und Naherholung aufeinandertreffen.
Frei ist in der Region aufgewachsen, kennt die Menschen, die Gemeinden und Betriebe. Die regionale Verankerung hat praktischen Wert. Wenn nach einem Sturm ein Weg blockiert ist, ein Baum gesichert werden muss oder bei Hochwasser rasch personelle Unterstützung und Maschinen benötigt werden, sind kurze Wege entscheidend. Entsprechend wichtig ist der enge Austausch mit Behörden, wenn Massnahmen koordiniert, Bewilligungen geklärt oder Prioritäten festgelegt werden müssen. Daneben setzt das Kraftwerk, wenn immer möglich, auf Anbieter aus der Region – etwa bei Fahrzeugen, Maschinen, Forstdienstleistungen oder technischen Arbeiten.
Der Biber als Bauherr – und Herausforderung
Frei steigt in den Pickup. Es gibt viel zu tun. Seine Mitarbeiter schneiden seit dem frühen Morgen Gras und Sträucher an der Zufahrtsstrasse zum Maschinenhaus bei Villnachern zurück, damit das Strassenprofil frei bleibt und Fahrzeuge sicher kreuzen können. «Ohne regelmässige Unterhalt, holt sich die Natur schnell alles zurück», bringt es Frei auf den Punkt.
Flussaufwärts, bei Schinznach-Bad, schützt auf der rechten Seite der Aare ein Damm das Wohn- und Gewerbegebiet. Es liegt deutlich tiefer als der aufgestaute Fluss. Hinter dem Damm verläuft ein kleiner Kanal. Er hat eine zentrale Funktion: Er sammelt Wasser, das allenfalls durch den Damm dringt, und zeigt so, ob die Anlage ausreichend dicht ist und die Siedlungen geschützt sind. Doch genau in diesem Kanal baut der Biber besonders gern. Mit Holz und Schlamm staut der Nager das Wasser auf. Seine Baukunst ist zwar eindrücklich. Aber: «Wenn seine Bauten den Kanal stauen, können wir den Wasserstand nicht mehr zuverlässig beurteilen», erklärt Frei. Darum dürfen Biberdämme hier trotz Schutzstatus der einst schweizweit ausgerotteten Art mit kantonaler Bewilligung periodisch entfernt werden.
Auf Höhe Biberstein entdeckt Frei einen deutlich angefressenen Baum. Für den Profi ist aber klar: Noch sind Wege und Infrastruktur nicht gefährdet. Der Baum bleibt vorerst stehen. Andere Stämme und Äste müssen jedoch entfernt werden. Dafür ist das ganze Team Infrastruktur vor Ort, samt Traktor mit Anhänger und hydraulischem Hebearm. Die Arbeit ist nicht ungefährlich. Die Männer arbeiten konzentriert – auch die eigene Sicherheit zählt.
Kampf gegen Staudenknöterich & Co.
Die nächste «Baustelle» ist weniger augenfällig, für das Ökosystem aber zentral: invasive Neophyten. «Der Kampf gegen eingeschleppte Arten wie Berufkraut oder Japanischer Staudenknöterich ist das grosse Dauerthema», führt Frei aus. Die Pflanzen müssen von Hand Wurzel für Wurzel ausgerissen und entsorgt werden. Das ist aufwendig und bindet Personal. «Wir sind bereits am Start für den nächsten Einsatz, damit wir die Pflanzen vor der Versamung erwischen», so Frei.
Die Unterhaltsarbeiten folgen generell der Jahreszeit. Derzeit laufen die Vorbereitungen für den Sommer. «Wir reparieren etwa die Signaltafeln für Boote und Wassersportler oder putzen und scheiden sie frei, sodass sie gemäss Konzessionsvorgabe gut sichtbar sind. Oder wir planieren Wege und Strässchen», erläutert er. Im Sommer wird grossflächig gemäht. Darüber hinaus, sorgen er und seine Mitarbeiter an der Staustufe dafür, dass Freizeitboote sicher übersetzen können und halten die Fischaufstiegstreppe instand, damit Fische wandern können. Auch Treibholz räumt das Team regelmässig weg, und das vorsorglich, also bevor sich Stämme verkeilen oder bei Hochwasser zum Risiko werden. Im Winter liegt der Schwerpunkt auf Holzschlag: Waldflächen werden ausgelichtet und gesichert – immer in Absprache mit den Behörden.
Aufklären, informieren, Verständnis schaffen
Bei Schinznach-Bad, gleich neben einem beliebten Rastplatz mit Blick auf das Stauwehr, verweist Frei auf eines der Bienenhotels. Es bietet einheimischen Wildbienen unterschiedliche Niststrukturen. Eine Informationstafel erklärt: «Die Bestäuber sind für uns unverzichtbar. Ohne sie müssten wir auf einen Drittel unserer Nahrungsmittel verzichten. Zudem sind rund 80 Prozent der Wildpflanzen auf eine Bestäubung durch Bienen angewiesen. Sie sind somit entscheidend für ein gesundes, stabiles Ökosystem. Allerdings sind mehr als die Hälfte der über 600 Wildbienenarten in der Schweiz bedroht». Dass ein Kraftwerk entsprechende Strukturen schafft und pflegt, zeigt, wie breit und wichtig der Auftrag heute geworden ist.
Ein paar Schritte weiter, wo einst eine markante Eiche stand, informiert eine Tafel darüber, dass der Baum aus Sicherheitsgründen hatte entfernt werden müssen. Er war von Pilzen befallen. Grössere, dürre Äste fielen bereits auf die Strasse. Dass Spaziergänger auf solche Eingriffe sensibel reagieren, überrascht nicht. Umso wichtiger ist Aufklärung. «Wir prüfen solche Eingriffe genau und erklären der Öffentlichkeit, warum wir wie handeln müssen», betont er. Inzwischen wächst bereits eine neue Eiche heran und auch sie soll den Ort eines Tages wieder prägen.
Das Kraftwerk Wildegg-Brugg der Axpo und die Werke Rüchlig, Windisch und Augst bilden aktuell bzw. ab Sommer 2026 vier Lernende aus – vor allem in den Lehrberufen Automatiker/in EFZ, Polymechaniker/in EFZ und Fachmann/Fachfrau Betriebsunterhalt EFZ. Automatiker bauen, programmieren und warten Steuerungs- und Automationsanlagen – also jene Technik, die Kraftwerke, Netze und Maschinen zuverlässig am Laufen hält. Polymechaniker fertigen Präzisionsteile, bedienen Maschinen und sorgen dafür, dass mechanische Komponenten exakt funktionieren. Fachleute Betriebsunterhalt kümmern sich um Gebäude, Anlagen und Aussenbereiche.
Axpo, inkl. CKW, bietet Lehrstellen in allen Regionen der Schweiz an. Landesweit absolvieren derzeit rund 450 Lernende in mehr als 20 Berufen ihre Ausbildung beim Energieunternehmen. Bis 2030 soll ihre Zahl auf über 600 Lernende steigen.
Über den gesamten Lebenszyklus verursacht die Stromproduktion des Werks lediglich 3,1 Gramm CO₂-Äquivalente pro Kilowattstunde (zum Vergleich: Stromproduktionsmix Schweiz: 20 g). Der grösste Teil davon entstand beim Bau. Im laufenden Betrieb arbeitet das Werk nahezu emissionsfrei.