24.04.2020 | Neben Importen braucht es ein Schweizer Rezept: PV+Hy+60

Woher kommt der Strom in Zukunft?

Kohle- und Kernkraft in Europa fallen weg, der Stromverbrauch steigt – was heisst das für die sichere Versorgung in der Schweiz? Axpo hat die Frage untersucht und die Ergebnisse sind ermunternd: Die Schweiz hat es in der Hand, die Stromversorgung nachhaltig sicherzustellen – wenn sie das Richtige tut. Neben den Verbesserungen der Importfähigkeit durch ein Stromabkommen und einer Speicherreserve sind das vor allem der Ausbau der Photovoltaik (PV), der Erhalt der Wasserkraft (Hy) und der Betrieb der Kernkraftwerke über 60 Jahre falls sicherheitstechnisch möglich. Oder abgekürzt: PV+Hy+60 = 99,9% Versorgungssicherheit.

Die Stromversorgungsinfrastruktur in Europa unterliegt einem grossen Wandel. Dem Atomausstieg in Deutschland im Jahr 2022 folgt schrittweise der Kohleausstieg bis 2038. In Frankreich plant Präsident Macron, den Anteil der Kernkraft bis 2035 auf 50 Prozent zu reduzieren. Damit wird viel gesicherte Leistung über die nächsten Jahre vom Markt gehen. Zwar kommen grosse Mengen an neuen Wind- und Photovoltaikkapazitäten ans Netz, doch die Stromproduktion aus Wind und Sonne ist stark wetterabhängig.

Gleichzeitig sollen im Gebäudebereich Öl- und Gasheizungen durch Wärmepumpen ersetzt werden und der Mobilitätssektor entwickelt sich immer stärker in Richtung E-Mobilität. Der Schlüssel zur radikalen Senkung des CO2-Vebrauchs ist also Strom. Es ist daher mit einem Anstieg der Stromnachfrage zu rechnen. Strom wird wichtiger und die Rolle der Strominfrastruktur gewinnt für Nationalstaaten (geo-) strategisch an Bedeutung. Daher stellt sich die Frage, was diese Entwicklungen in den Nachbarländern und die CO2-freie Energieversorgung für die Schweiz bedeuten.

Trügerischer Jahresschnitt: Schweiz auf Importe aus Europa angewiesen

Im Jahresschnitt produziert die Schweiz genügend Strom, um die inländische Nachfrage zu decken. Doch bei genauerer Betrachtung, stellt man fest, dass im Sommer ein Überschuss an Strom herrscht, während die inländische Produktion im Winter den Schweizer Strombedarf nicht decken kann. Die Schweiz ist im Winter von Stromimporten aus Europa abhängig, insbesondere aus Frankreich und Deutschland. 

(in GWh) BFE, 2018

Ob die Schweiz in Zukunft genügend Strom importieren kann, hängt neben der Exportfähigkeit der umliegenden Länder auch vom weiteren Ausbau der (grenzüberschreitenden) Stromnetze und vom Stromabkommen mit der EU ab. Die Schweiz verhandelt zwar seit Jahren mit der EU darüber, doch der Ausgang bleibt ungewiss. Aber wie schlecht steht es denn, um die zukünftige Versorgungssicherheit der Schweiz?

Die gute Nachricht: Es geht

Eine Untersuchung (s. Studie unten) von Axpo hat analysiert, wie sich die Exportfähigkeit der Nachbarländer bis 2035 verhalten wird und wie sich dies auf die Stromversorgung der Schweiz auswirkt. Dabei zeigt sich, dass unter durchschnittlichen Verhältnissen bis 2035 auch im Winter ausreichend Strom aus Europa importiert werden kann, um die Schweizer Nachfrage zu decken.  Dabei wird ein Ausbau der erneuerbaren Energien, insbesondere von PV und ein Erhalt des Herzstücks unserer Stromversorgung, der einheimischen Wasserkraft, vorausgesetzt.

Wasserkraft macht etwa 60 Prozent des hierzulande erzeugten Stroms aus, steht jedoch immer stärker unter regulatorischem Druck. So ist beispielsweise die fixe Abgabenbelastung der Wasserkraft nirgends in Europa nur annähernd so hoch ist wie in der Schweiz. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf die Investitionsbereitschaft der Wasserkraftbetreiber und damit mittel- bis langfristig auf die Gewährleistung der Versorgungssicherheit in der Schweiz und die ambitionierten Ziele der Energiestrategie 2050. Die aktuelle Revision des Energiegesetzes böte eine grosse Chance stärkere Investitionsanreize in der Schweiz zu setzten, damit sich der Ausbau der Erneuerbaren hierzulande wieder lohnt (s. Interview Thomas Sieber). Die Axpo-Studie geht weiter von einer Laufzeit der Schweizer Kernkraftwerke von 60 Jahren aus. Kernenergie ist in der Schweiz keine Zukunftstechnologie mehr, doch die bestehenden Werke verschaffen uns Zeit für den Ausbau der Erneuerbaren und bieten bis dahin CO2-freien einheimischen Strom.

Die «kalte Dunkelflaute» ist der Gegner

Ganz anders sieht es allerdings bei einer «kalten Dunkelflaute» aus. Sind die Wetterverhältnisse schlecht könnte in den nächsten 10 Jahren die Exportkapazität der Nachbarländer knapp werden. So könnte es zeitweise zu einem Stromengpass für die Schweiz kommen.

Bei einer Dunkelflaute führt trübes und windarmes Wetter dazu, dass Wind- und Photovoltaikanlagen nur minimal Strom erzeugen. Unter einer «kalten Dunkelflaute» versteht man, dass gerade in der kalten Jahreszeit zusätzlich noch eine erhöhte Nachfrage nach Strom entsteht, weil mehr geheizt werden muss. Sollten in einer solchen Phase zusätzlich noch Kernkraftkapazitäten in der Schweiz oder Frankreich ausfallen oder gar nicht mehr vorhanden sein, würde dies die Situation noch verschärfen. Die einheimische Produktion zusammen mit den Importen reichten nicht aus, um ausreichend Strom zur Verfügung zu stellen. Die Schweiz müsste mit einem Energiedefizit rechnen.

Speicherreserve als Lösung

Mit einem geänderten Einsatz der Schweizer Speicherkraftwerke könnte einem solchen Defiziten entgegengesteuert werden. Dazu bedürfte es allerdings Anpassungen der regulatorischen Rahmenbedingungen. Die vom Bundesrat in der Revision des Stromversorgungsgesetzes (StromVG) vorgeschlagene Speicherreserve wäre ein möglicher Ansatz. In Ergänzung zu einer Speicherreserve wäre auch ein Stromabkommen mit der EU dem funktionierenden Stromaustausch zuträglich und würde die Versorgungssicherheit in der Schweiz verbessern.

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