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20.03.2026 | Walter Willisch und Christian Noti überwachen den Mattmark-Staudamm

Arbeiten an einem Bauwerk, das lebt

Die Talsperrenwärter Walter Willisch und Christian Noti sind hoch oben am Mattmark-Staudamm unterwegs, bei jedem Wetter. Sie vermessen und kontrollieren jede Bewegung des grössten Erdstaudamms Europas – millimetergenau.

Auf knapp 2’200 Metern über Meer, auf der Krone des Mattmark-Staudamms, weht ein milder Südwind, der vom Mittelmeer her über die hochalpine Bergwelt zieht. Rundherum ragen Viertausender in den Himmel: vom Weissmies bis zu den Gletscherbergen der Monte-Rosa-Gruppe. Der Mattmark-Staudamm liegt am südlichen Ende des Walliser Saastals, nahe der Grenze zu Italien. Er ist der grösste Erd- und Steinschüttdamm Europas. Wie ein gewaltiger Wall zieht er sich quer durchs Tal.

Talsperrenwärter Christian Noti (l.) und Walter Willisch

Gegen 120 Meter hoch und fast 800 Meter lang ist der Damm. 100 Mio. Kubikmeter Wasser hält er zurück. Gespeist wird der See von Gletscher- und Seitenbächen aus dem Einzugsgebiet rund um den Allalingletscher. Noch ist die fast zwei Quadratkilometer grosse Oberfläche des Sees von Eis bedeckt. Entlang der Ufer zeigen sich jedoch erste Risse – Vorboten des Frühlings.

Arbeiten, wo andere Ferien machen

Ein Damm wie Mattmark ist kein starres Bauwerk. Er arbeitet. Er bewegt sich, reagiert auf Temperatur, Wasserdruck und Jahreszeiten – und wird permanent überwacht, gerade auch unter den wachsamen Augen von Walter Willisch und Christian Noti. «Unsere allererste Aufgabe ist es, den Dammkörper zu überwachen», fasst Noti kurz und bündig zusammen. 

Im Winter ist man oft alleine beim Mattmark-Staudamm

Die beiden Talsperrenwärter haben sich frühmorgens vom Kraftwerk Zermeiggern aus auf den Weg gemacht. Im Winter ist die Zufahrtsstrasse zum Damm gesperrt. Hinauf geht es nur mit dem Pistenfahrzeug. Die Fahrt führt durch eine stille, zauberhafte Winterlandschaft. Begegnungen mit Steinadlern sind hier keine Seltenheit. Selbst den seltenen Bartgeier habe er schon gesehen, erzählt Willisch. «Wir arbeiten dort, wo andere Ferien machen», sagt er und lacht. 

In the dam's extensive tunnel system

«Jeder Tag ist anders»

Sie sind ein eingespieltes Team, kennen sich seit Jugendzeiten. Beide stammen vom Tal. Willisch, gelernter Maurer, bringt viele Jahre praktische Erfahrung als Vorarbeiter auf dem Bau mit. Noti, von Hause aus Lastwagenmechaniker, bekommt so manchen Antrieb wieder zum Laufen. Als Talsperrenwärter haben sie ihre Berufung gefunden, auch wenn die Arbeit viel verlangt. Wer nicht fit ist, ist hier fehl am Platz.

Neben Technikverständnis und handwerklichem Geschick gehören Kenntnisse in Hydrologie, Geologie und Messtechnik zum Job. «Man muss von allem ein bisschen was verstehen. Und bis man das Kraftwerk wirklich kennt, vergehen fünf bis sieben Jahre», so Noti. Leitungen reparieren, Pumpen und Messgeräte revidieren, Fassungen reinigen, tonnenschwere Stahlschieber bedienen oder Messwerte analysieren: Ein Allrounderjob. Was jeweils ansteht, wird Woche für Woche geplant. «Jeder Tag ist anders», so Willisch. 

Regelmässig werden geodätische Messungen gemacht.

Präzisionsmessungen

Langsam rollen die beiden Männer im Pistenbully über die schneebedeckte, breite Dammkrone. Ihr Ziel: ein seeseitiger Betonpfeiler. Im Gepäck: ein hochpräzises Laser-Messgerät, sowie Reflektoren. Mit den Instrumenten wird der Damm regelmässig geodätisch vermessen – eine Kontrolle, die selbst minimal Veränderungen sichtbar macht. Sie fixieren den Theodoliten, wie das Messgerät im Fachjargon heisst, auf dem Pfeiler und richten ihn sorgfältig aus. Zuerst visiert das Gerät einen fernen Referenzpunkt am Felsen an. Erst wenn die digitale Orientierung steht, schwenkt es zurück zum Damm und nimmt den Reflektor ins Visier. Schritt für Schritt wird so die gesamte Krone millimetergenau vermessen.

Periodisch kontrollieren Willisch und Noti zudem das Nivellement zwischen Fixpunkten an den Talflanken. Mit einem Präzisionsnivellier werden Höhenunterschiede über mehrere auf der Dammkrone verteilte Messpunkte gemessen. Schon kleinste Veränderungen verraten, wie sich der Damm unter den variablen Lasten verhält.

Auch die Drosselklappe wird überprüft.

So einfach, so elegant

Zu den wichtigsten Sicherheitskontrollen gehören die Sickerwasser- und Porendruckmessungen. Sie zeigen, wie hoch der Porenwasserdruck im Damm ist und wo die sogenannte Sickerlinie verläuft. Die Kontrolle von Hand ist präzis und einfach – und gerade deshalb so elegant: Im Dammkörper stecken Messrohre, sogenannte Piezometer. Willisch lässt ein Messband von einer Spule hinabgleiten. Am Ende des Bands sitzt eine elektrische Sonde. Erreicht sie die Sickerlinie schliesst sich der Stromkreis und es ertönt ein Signal. Meter für Meter verschwindet das Band im Rohr, bis das Signal ertönt. Der Messwert wird via Tablet wie alle Daten digital im System erfasst.

Nicht nur der Damm selbst wird überwacht, sondern auch das Einzugsgebiet. Rund um den See stehen auf fast 3’000 Metern Niederschlagssammler (Totalisatoren). In den Trichtern sammeln sich über Monate Regen und Schnee. Eine Salzlösung verhindert das Gefrieren, eine Ölschicht die Verdunstung. Zweimal jährlich werden die Stationen besucht und die Niederschlagsmengen erfasst. Die gemessenen Mengen werden später an der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie (VAW) der ETH Zürich und bei Meteo Schweiz ausgewertet.

Walter Willisch mit Skulpturen aus Eis.

1’000 Treppenstufen

Ein grosser Kontrollrundgang durch die Anlage dauert drei Tage. Das Stollensystem allein umfasst über tausend Treppenstufen, der längste Zugangsstollen zählt 440 Tritte. In den Stollen tropft Wasser von der Decke. Die Luft riecht nach feuchtem Gestein. Entlang der Wände verlaufen Kabeltrassen und Rohre.

Drainagen sammeln das Sickerwasser – Wasser, das seinen Weg durch den Dammkörper gefunden hat. «Das ist völlig normal. Sollten sich die Werte aber verändern, schauen wir genau hin», erläutert Willisch. Das Wasser fliesst im Drainagestollen durch eine offene Rinne ab.

Zur Abdichtung des Dammuntergrundes wurde unter dem Dammkern ein senkrechter Injektionsschirm (Dichtungsschirm) angelegt, der bis zum dichten Fels hinunterreicht.

Christian Noti gibt Daten durch

Wenn das Wasser steigt

Ein Damm darf nicht überströmen. Der See dient als Puffer. Über den Grund- und Mittelablass kann bei Bedarf Wasser kontrolliert abgelassen werden. Massige Schützen und Klappen öffnen den Wasserweg oder sperren ihn vollständig ab. Im Extremfall sorgt die Hochwasserentlastung dafür, dass grosse Wassermengen sicher über den Hochwasserentlastungsstollen talwärts abgeführt werden können.

Für den Fall eines Stromausfalls steht ein dieselbetriebenes Notstromaggregat bereit, um die wichtigsten Systeme über Tage betreiben zu können. Für den Fall eines Netzausfalls verfügt die Anlage zudem über redundante Kommunikationsanlagen. Die Talsperrenwärter bleiben so jederzeit mit der Leitstelle verbunden.

Die Überwachung ist auf alle Eventualitäten ausgerichtet und wie bei jeder Talsperre streng geregelt – von der eidgenössischen Aufsichtsbehörde über die Fachexperten und Fachingenieure bis zu den Sicherheitskonzepten der Kraftwerksbetreiber. Damit dieses System funktioniert, braucht es Menschen vor Ort wie Walter Willisch und Christian Noti. Ruhig bleiben, klar kommunizieren, auch in schwierigen Situationen besonnen handeln – Eigenschaften, die die beiden auszeichnen. Sie sind zentraler Teil eines fein abgestimmten Sicherheitsgefüges, das den Mattmark-Staudamm rund um die Uhr überwacht. 

Kraftwerk Mattmark – Zahlen und Fakten

Das Kraftwerk Mattmark am Ende des Saastals (VS) ist eines der bedeutendsten Hochdruck-Wasserkraftwerke der Schweiz. Der imposante Erdschüttdamm mit seinem zentralen Dichtungskern ist das Herzstück der Anlage.

  • Höhe: 120 m
  • Kronenlänge: 780 m
  • Stauvolumen: ca. 100 Mio. m³
  • Einzugsgebiet Stausee: 88 km2 mit Wasserfassungen, davon etwa 45 % vergletschert
  • Einzugsgebiet insgesamt: 162 km2

Eine Erhöhung des Damms um zehn Meter wird derzeit geprüft. Sie würde das Speichervolumen deutlich vergrössern und rund 60 Gigawattstunden zusätzlichen Winterstrom liefern.

Der Staudamm verfügt über leistungsfähige Sicherheitsanlagen: Die Hochwasserentlastung kann bis zu 230 Kubikmeter Wasser pro Sekunde abführen, der Mittelablass 42 und der Grundablass 57 Kubikmeter pro Sekunde. Zusätzlich steht ein Hochwasser-Rückhaltevolumen von rund 3,6 Mio. Kubikmetern zur Verfügung.

Die mittlere Jahresproduktion des Kraftwerks beträgt rund 613 Mio. Kilowattstunden Strom, mehr als die Hälfte davon im Winterhalbjahr. Das Wasser wird in zwei Stufen zur Stromproduktion genutzt: In der Zentrale Zermeiggern unterhalb des Damms treiben Franciseturbinen Generatoren mit einer installierten Leistung von 74 Megawatt (MW) an. Bei Bedarf kann Wasser von dort über zwei grosse Pumpen wieder in den Mattmarksee hochgepumpt werden. Von Zermeiggern gelangt das Wasser weiter zur Zentrale Stalden, wo es über Hochdruckleitungen auf Peltonturbinen mit einer installierten Leistung von 186 Megawatt trifft.

Die Geschäftsleitung der Kraftwerke Mattmark AG liegt bei  Axpo.

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